Philipp Bleek

Philipp und Ada Bleek
Philipp und Ada Bleek

Evangelischer Pfarrer in Malstatt und Streiter gegen den Nationalsozialismus


Am 9. Februar 1938 beging im Saarbrücker Lerchesflur-Gefängnis ein Mann seinen 60 Geburtstag, der sich zunächst keineswegs als Hitlergegner verstand, wohl aber ein eifriger Kritiker der zunehmenden Nazifizierung des kirchlichen Raumes war: Pfarrer Philipp Bleek. Seit fast acht Monaten saß das führende Mitglied der Bekennenden Kirche an der Saar nun in Untersuchungshaft, während der Saarbrücker Oberstaatsanwalt und der Oberreichsanwalt beim Volksgerichtshof überlegten, was mit dem Häftling geschehen solle, Philipp Bleek wurde am 9 Februar 1878 auf der Estancia ,Los Leones"' in der argentinischen Provinz Santa Fe geboren. Sein Vater war zehn Jahre zuvor nach Argentinien gekommen, hatte dort etwas Land erworben und betreute mit Einwilligung des Evangelischen Oberkirchenrats in Berlin die verstreut in Südamerika lebenden evangelischen Christen deutscher und Schweizer Herkunft. 1886 kehrte die Familie nach Deutschland zurück und übergab die erworbene Estancia einem Verwalter.

Philipp Bleek besuchte das Gymnasium in Bonn, studierte anschließend evangelische Theologie in Bonn und Berlin und trat 1905 in der Arbeitergemeinde Malstatt-Burbach an der Saar seinen Vikariatsdienst an. Durch seine Heirat mit Ada Ruppersberg, der Tochter des bekannten saarländischen Heimatforschers, fand er Zugang zum gehobenen evangelischen Bürgertum der Saarmetropole. Bleeks Interesse galt gleichwohl den sozialen Problemen seiner Zeit. Auf evangelischer Seite war der frischgebackene Vikar ein früher Förderer des Gewerkschaftsgedankens an der Saar, was u.a. im Konflikt zwischen den Evangelischen Arbeitervereinen und den Nationalliberalen 1907/08 deutlich wurde. In einer Versammlung des Evangelischen Arbeitervereins in Bischmisheim am 22 September 1907 hatte er beispielsweise erklärt, daß eine Verbesserung der Lage der Arbeiterschaft neben konjunkturellen Einflüssen ganz entscheidend von der Existenz von Gewerkschaften abhängig sei. Für jeden Arbeiter sei es daher notwendig, sich einer Organisation anzuschließen. Den von den Unternehmern ausgehaltenen "gelben" Gewerkvereinen fehle indessen das notwendige "Mittel des Drucks auf die Arbeitgeber". Das waren keineswegs übliche Töne aus dem bürgerlich-evangelischen Lager zu Beginn des Jahrhunderts.

Bleeks sozialpolitisches Engagement zeigte sich darüber hinaus in der von ihm initiierten Gründung der Evangelischen Nothilfe während der Weltwirtschaftskrise zu Beginn der dreißiger Jahre. Diese caritative Hilfsorganisation kümmerte sich besonders um in Not geratene evangelische Familien, die es in Bleeks Gemeinde zahlreich gab. Bereits in den zwanziger Jahren wurde Bleek zum Synodalassessor und damit zum Stellvertreter des Superintendenten gewählt. In der zentralen Frage der Völkerbundszeit forderte Pfarrer Bleek in Übereinstimmung mit der evangelischen, fast durchweg deutschnational orientierten evangelischen Geistlichkeit des Saargebietes in z.T. markigen Worten die Rückgliederung des abgetrennten Saatgebietes an Deutschland, so anläßlich der Rheinischen Jahrtausendfeiernund des 1. Rheinischen Kirchentages in Saarbrücken. Es überraschte dabei nicht, daß Bleek der nationalsozialistisch beherrschten Rückgliederungsfront, der Deutschen Front, wie er selbst schrieb, "seit der ersten Stunde ihres Bestehens" angehörte und sein Patriotismus auch durch die Machteinsetzung Hitlers nicht getrübt wurde. Ob es eine Schutzbehauptung war oder wirkliche Überzeugung, als er es begrüßte, "daß Gott uns in der Stunde der größten Gefahr Adolf Hitler gesandt habe", und ob er aus gleichem Beweggrund Briefe "Mit evangelischem und deutschem Gruß Heil Hitler!" unterzeichnete, muß ungewiß bleiben.

Konflikte mit den neuen Herren in Deutschland resultierten eher aus innerkirchlichen Motiven: aus den Spannungen zwischen den von den NS-Machthabern untertützten Deutschen Christen (DC) und den Pfarrern der Bekennenden Kirche und aus der Sorge um die Freiheit des christlichen Bekenntnisses und der kirchlichen Organisationen. Die Deutschen Christen, die für eine größtmögliche Annäherung zwischen Christentum und Nationalsozialismus eintraten und im Mai l933 ihre erste Gautagung im Saargebiet abgehalten hatten und dabei auf erhebliche Widerstände aus der Pfarrerschaft des ehemals preußischen Saargebietsteils gestoßen waren, scheuten sich nicht, ihre Gegner der nationalen Unzuverlässigkeit zu bezichtigen.

Zu einer Maehtprobe zwischen Deutschen Christen und ihren Opponenten kam es, als das Evangelische Konsistorium der Rheinprovinz in Koblenz auch im preußischen Teil des Saargebiets für den 23. Juli 1933 Neuwahlen zu den kirchlichen Vertretungen anordnete in der Hoffnung, den Einfluß der Deutschen Christen auch an der Saar zu stärken. In einer Presseerklärung von 24 saarländischen Pfarrern, unter ihnen Superintendent Hubert Nold, Otto Wehr, Werner Straub und Philipp Bleek, die am 23. Juli verbreitet wurde und unter der Losung "Für Evangelium und Kirche im deutschen Volk" stand, wurden die "diktatorischen" Methoden der Deutschen Christen kritisiert und die kirchliche Autonomie gefordert: "Wir kämpfen für eine Kirche, die allein aus dem Glauben an Jesus Christus geboren wird."

Ausdrücklich betonten die 24 Pfarrer daß ihre Erklärung keineswegs eine Stellungnahme gegen den Nationasozialismus ist. Nachdem die sozialdemokratische Volksstimme die Presseerklärung positiv kommentiert hatte, sahen sich die unterzeichnenden Pfarrer noch einmal veranlaßt, explizit hervorzuheben, daß sich "tiefinnerlicher freier Christenglaube und Nationalsozialismus" sehr wohl vereinigen ließen und es sich bei dem Streit mit den Deutschen Chtisten lediglich um ein innerkirchliches Problem handele.

Im Oktober l933 organisierte sich die Opposition gegen die DC in der Pfarrbruderschaft, der neben Wehr und Bleek 17 weitere Pfarrer aus den beiden Synoden Saarbrücken und St. Johann angehörten.

Pfarrer Bleek war damit zur Zielscheibe der Deutschen Christen geworden. Mit Untertützung des Reichsführers des deutschen evangelischen Männerwerks und dem Koblenzer Konsistoriums versuchte der Gauleiter der DC, Bleek in seiner Funktion als Leiter des Verbandes der Evangelischen Arbeitervereine an der Saar zum Rücktritt zu bewegen. Bleek widersprach diesem Angriff der DC, verwies auf seine nationale Zuverlässigkeit und auf ,,die von mir treu evangelisch kirchlich und treu vaterländisch, und zwar im Sinne des ,neuen Reichs', geführten Evangelischen Arbeitervereine an der Saar"

Am l. Juli 1934 zählte er zu denen, die - nahezu drei Fünftel der gesamten evangelischen Geistlichkeit des Saargebietes hinter sich wissend - in der Saarbrücker Schloßkirche die sechs Punkte der ,Barmer Erklärung" der Bekennenden Kirche annahmen und sich der Bekenntnissynode der Deutschen Evangelischen Kirche anschlossen. In der nationalen Frage versicherte die Saarbrücker Bekenntnissynode ihren ungebrochenen Willen zur Rückgliederung und wußte sich damit auch mit Pfarrer Martin Niemöller einig. Obwolll die Deutsche Front in der Folgezeit bemüht wat, entsprechend Bürckels Taktik den Kirchenkampl an der Saar zu vermeiden, um keine für das Abstimmungsergebnis relevante Spannung in die saarländischen Protestanten zu tragen, blieben weitere Auseinandersetzungen nicht aus. Über Verbindungsleute in der preußischen Verwaltung versuchten die Deutschen Christen der Saar unter ihrem Gauleiter Müller, Pfarrer der Bekennenden Kirche bei preußischen Ministerien in Berlin anzuschwärzen. Bleek wiederum protestierte gegen die Haltung der preußischen Regierung, ihre Beihilfen für die kulturelle Arbeit der beiden Saarsynoden einzustellen. Neben Angriffen auf die DC verwies Bleek zugleich auf entscheidende Gemeinsamkeiten zwischen Nationalsozialismus und evangelischer Geistlichkeit bei der "Überwindung des Liberalismus als geistiger Gesamthaltung".

Zusammen mit seinen Amtsbrüdem Weht und Richter und dem Superintendenten Nold protestierte Bleek am 17. September 1934 in einem Schreiben an Hitler gegen die Gewaltmaßnahmen der deutsch-christlichen Kirchenleitungen im Reich, ohne aber auch hier das Verhalten der braunen Machthaber selbst zu attackieren.

Mit dem Tode Nolds l935 übernahm Bleek in seiner Funktion als stellvertretender Superintendent die Leitung des Kirchenkreises. In Nolds Vertretung unterzeichnete er auch die mit dem neuen Reichskommissar Bürckel ausgehandelte Vereinbarung über die Zusammenarbeit zwischen Staat und Kirche im Sommer 1935. In verchärfter Form setzten sich nach der Rückgliederung die Auseinanderetzungen zwischen Deutschen Christen und der Saarbrücker Bekenntnissynode fort. Zunächst kam es im September 1936 zum Fechinger Pfarrersteit, der Bleek erstmals mit der Gestapo in Konflikt brachte. Nach dem Weggang des dortigen Pfarrers, der der Bekennenden Kirche angehörte, hatte das Konsistorium die freigewordene Pfarrerstelle neu zu besetzen. Das mehrheitlich der Bekennenden Kirche angehörende Fechinger Presbyterium und Bleek als geschäftsführender Superintendent sprachen dem Konsistonum aus bekenntnismäßigen Gründen die Berechtigung zur Neubesetzung der Pfarrstelle ab. In enger Verbindung mit dem Rheinischen Bruderrat wurde ein junger Pfarrer der Bekennenden Kirche, Anton Eissen, für die vakante Stelle vorgesehen und am 14. Juni 1936 in Fechingen von Bleek eingeführt. Das Konsistorium hatte inzwischen einen eigenen Kandidaten auserkoren und hielt an diesem auch nach Eissens Einführung fest. Zunächst bestellte es aber den Pfarrer Blanke aus Bischmisheim zum Verweser der Fechinger Pfarrstelle, der damit automatisch auch die Leitung des Presbyteriums übemahm. Nachdem sich die Mehrheit der Presbyter weigerte, mit Blanke zusammenzuarbeiten, ersetzte das Konsistorium das gewählte Presbyterium durch einen von ihm berufenen Gemeindekirchenausschuß.
Am 13. September sollte Blanke in der Fechinger Kirche einen "Informationsgottesdienst" halten und am darauffolgenden Sonntag den neuen Pfarrer einführen. Am Morgen des 13. September forderte Bleek in den beiden Gottesdiensten in Alt- und Neufechingen die Gemeinde auf, den "Informationsgottesdienst" nicht zu besuchen und Pfarrer Eissen und der Bekennenden Kirche die Treue zu halten. Am Nachmittag des gleichen Tages kam es dann zu tumultartigen Szenen in der Fechinger Kirche, wobei Bleek Blanke und die Mitglieder des neuen Gemeindekirchenausschusses daran hinderte, den "Informationsgottesdienst'' zu besuchen. Das Konsistorium wiederum ließ daraufhin durch die Polizei die Kirchenschlüssel einziehen und verbot Pfarrer Eissen das Betreten des Gotteshauses, worauf dieser versuchte, den Gottesdienst vor der Kirche abzuhalten.

Bleek wurde von der Gestapo wegen Störung des Gottesdienstes und wegen Abhaltung eines nicht erlaubten Gottesdienstes unter freiem Himmel vernommen. Er rechtfertigte sich mit der Behauptung, er habe lediglich kraft seines Amtes als stellvertretender Superintendent einen kirchlich unrechtmäßigen Gottesdienst, "also Entweihung des Gotteshauses", zu verhindern versucht und, da die Kirche abgeschlossen gewesen sei, gemäß seines christlichen Auftrages, das Wort zu predigen, dies dann gemeinsam mit Pfarrer Eissen unter freiem Himmel getan. Am Tag vor der von dem Konsistorium geplanten offiziellen Einführung des neuen Fechinger Pfarrers wurde Pfarrer Bleek von der Gestapo aufgefordert, Fechingen nicht zu betreten, da ein entsprechender Befehl des Reichskirchenministers aus Berlin vorliege. Da er nicht bereit war, dieses Versprechen zu geben, wurde er zur Verwarnung kurzerhand in "Schutzhaft" genommen, am Abend jedoch wieder freigelassen und erneut ermahnt, Fechingen fernzubleiben. Auch diesmal weigerte sich Bleek, dies zuzusichern. Am nächsten Sonntag, dem Tag der Einführung des neuen Pfarrers, ereignete sich ein weiterer Zwischenfall, da - wie der Brebacher Bürgermeister berichtete - "entgegen dem Verbot des Konsistoriums Pfarrer Eissen in Neufechingen mit Gewalt in die Kirche einzudringen versuchte, wobei er von Pfarrer Bleek unterstützt wurde, so daß beide Herren vorübergehend in Haft genommen werden mußten". Bereits am Abend kam Bleek jedoch wieder frei. Für viele Protestanten war sein Verhalten im Fechinger Pfarrerstreit ein deutliches Zeugnis, dem Wort Gottes mehr zu gehorchen als staatlichen Organen oder staatskirchlichen Einrichtungen wie dem Konsistorium.

In den nächsten Wochen eskalierten die Konflikte. Nachdem Bleek in das Blickfeld der Gestapo geraten war, scheint diese - wie er selbst vermutete - offenbar systematisch nach bedenklichen Äußerungen des unbequemen Pfarrers gesucht und dabei auch seine Konfirmanden zum "Spitzeln" angehalten zu haben. Im Herbst 1936 jedenfalls wurde er von der Saarbrücker Staatspolizei wegen angeblich staatsfeindlicher Äußerungen im Konfirmandenunterricht vernommen. "Es wurde mir vorgeworfen, daß ich den Kindern gegenüber kritisch vom Deutschglauben und auch von Rosenberg gesprochen habe." Während Bleek bekannte, sich kritisch zu Rosenbergs antichristlicher Haltung geäußert zu haben, bestritt er, eine besondere Vaterlandsliebe als unchristlich abgetan zu haben. "Ich hatte gerade im Gegenteil und sehr deutlich die Pflicht besonderer Vaterlandsliebe herausgearbeitet", wie er dies zur Völkerbundszeit immer getan habe. Im Januar 1937 zeigten Eltern einer Konfirmandin Bleek wegen staatsfeindlicher Gesinnung an. Bleek hätte sich in einem Gespräch dergestalt geäußert, daß Gott zwar Adolf Hitler, aber der Teufel Rosenberg geschickt habe. Nach Bleek ging es in dem Gespräch um die Frage, "woher es denn komme, daß in der guten heilvollen nationsozialistischen Bewegung diese unheilvollen, antichristlichen Elemente aufgekommen seien. Ich sagte: daß es oft in der Geschichte so gewesen sei, daß wenn einem Volk etwas ganz Großes geschenkt worden sei (ich sagte sehr ernst als meine Überzeugung, daß Gott uns in der Stunde der größten Gefahr Adolf Hitler gesandt habe), dann der Teufel Unkraut zwischen den Weizen sähe. Und so sei das mit Alfred Rosenberg und seinem Mythus." Pfarrer Bleek gab weiter zu, bekannt zu haben, daß er Rosenberg und Ley "in diesem ihrem antichristlichen Auftreten" für ein Unglück in der Partei halte. Schliesslich zeigte ein Konfirmandenvater Bleek an, seinen Sohn durch eine Ohrfeige "mißhandelt" zu haben, weil dieser - statt zum Konfirmandenunterricht - zum HJ-Dienst gegangen war. Bleek bestritt den Grund und gab an, dem Konfirmanden eine Ohrfeige verabreicht zu haben, da dieser sich nicht habe davon abbringen lassen, den Unterricht zu stören.

Dem Leiter der Schulabteilung beim Saarbrücker Reichskommissariat reichte es nun. Mit Schreihen vom 28. Februar 1937 warf er Bleek eine feindliche Einstellung zum heutigen Staat vor und teilte ihm mit, daß gegen ihn ein Unterrichtsverbot verhängt worden sei und er beim Reichskirchenminister eine Kürzung seiner Dienstbezüge beantragt habe. In scharfer Form forderte Bleek den Leiter der Schulabteilung auf, seinen Vorwurl der Staatsfeindlichkeit zurückzunehmen. "Im übrigen halte ich die mir als staatsfeindlich ausgelegten Äußerungen - nicht die mir unterstellten - aufrecht. Sollten sie wirklich diese Äußerungen als staatsfeindlich betrachten, so würde solch ein Urteil nicht mich persönlich, sondern das von mir bezeugte klare und eindeutige Wort der ganzen Heiligen Schrift treffen" konterte Bleek am 3. März 1937.

Trotz der angedrohten Restriktionen ließ Bleek nicht locker. Sowohl von der Kanzel herab, als auch durch ein gemeinsam mit Pfarrer Wehr verfaßtes Flugblatt protestierte er bereits drei Wochen später gegen die Form der von Gauleiter Bürckel in einem Überraschungscoup angeordneten "Abstimmung" über die Einführung der NS-Gemeinschaltsschule. "Wir sagen Ihnen, was Tausende Ihnen nicht sagen dürfen" hieß es zu Beginn des an Bürckel adressierten Flugblattes. "Die von Ihnen angeordnete freie Entscheidung ist keine freie Entscheidung gewesen." Lediglich Drohungen und Fälschungen hätten zu dem Abstimmungsergebnis geführt, wonach mehr als 90 % der Saarländer für die Gemeinschafts- und gegen die Konfessionsschule votiert hätten. "Meinen Sie ernstlich, daß auf solcher Abstimmung der Segen Gottes ruhen und aus ihr eine echte Volksgemeinschaft wachsen könne?"

Den Höhepunkt erreichten die Auseinandersetzungen zwischen Bleek und den NS-Behörden im Juni 1937. Nach einem Erlaß Hitlers vom 15. Februar 1937 waren für den 27. Juni Kirchenwahlen angesetzt worden, die nach Auffassung der Bekennenden Kirche die Kirchenleitungen zu geschäftsführenden Organen degradierten. In einer Resolution des Reichsbruderrates vom 23. Juni 1937 wurde daher zum Wahlboykott aufgerufen. Ein Rundschreiben des Reichsbruderrates mit der Boykottresolution gelangte auch an die Adresse von Pfarrer Wehr, der Bleek von dem Beschluß in Kenntnis setzte. Am 24 Juni fand daraufhin im Evangelischen Gemeindehaus in Malstatt eine Besprechung der zur Saarbrücker Bekenntnissynode zählenden Pfarrer statt. Es wurde beschlossen, in einem gemeinsamen Schreiben, das als Flugblatt zur Verteilung gelangen sollte, zur bevorstehenden Kirchenwahl Stellung zu nehmen. Der Wortlaut des Schreibens wurde festgelegt, verlesen und von den 15 Versammlungsteilnehmern gebilligt. Philipp Bleek als geschäftsführendem Leiter der Saarbrücker Synode fiel die Produktion der Flugblätter zu, die er am nächsten Tag mit Hilfe seiner Sekretärin in einer Auflage von 5000 Exemplaren herstellen ließ. Durch 11 Frauen der Evangelischen Frauenhilfe Malstatt, deren Vorsitzende Bleeks Ehefrau Ada war, ließ er noch am selben Tag in seinem Pfarrbezirk die Flugblätter von Haus zu Haus tragen, während er selbst die Versendung der übrigen Exemplare an die anderen Pfarrer der Bekennenden Kirche organisierte. In dem Flugblatt hieß es einleitend, die bevorstehende Kirchenwahl sei keine kirchliche Wahl, da sie von außerkirchlichen Stellen angeordnet und durchgeführt werden solle, ,,deren Kirchenfeindschaft trotz aller Vernebelung immer deutlicher sich enthüllt". Die von den Bekenntnispfarrern der Kreissynoden Saarbrücken und St. Johann unterzeichnete Schrift forderte: "Ein Christ darf sich in keiner Weise an dieser Wahl beteiligen. Wer sich an dieser Wahl beteiligt, verrät den Herren Jesus Christus". Nach Auffassung des Saarbrücker Oberstaatsanwalts stellte das Flugblatt eine "gehässige und hetzerische Äußerung" dar, sei gegen den Erlaß des Führers gerichtet und geeignet, "das Vertrauen des Volkes zur politischen Führung zu untergraben." Wegen "staatsfeindlichen Verhaltens" nahm die Saarbrücker Gestapo am 27. Juni 1937 Bleek als den für die Herstellung und den Vertrieb der Flugblätter Verantwortlichen fest und wies ihn in das Lerchesflur-Gefängnis ein. Am kommenden Tag wurde gegen ihn ein Haftbefehl wegen Heimtückevergehens ausgestellt.

Der Oberstaatsanwalt beim Saarbrücker Sondergericht beantragte am 8. Januar 1938 die Hauptverhandlung gegen Bleek und 17 weitere Angehörige der Bekennenden Kirche, da diese "gemeinschaftlich handelnd, öffentliche gehässige und hetzerische Äußerungen über leitende Persönlichkeiten des Staates und deren Anordnungen gemacht" hätten, die geeignet seien, Unruhe zu stiften und Schriftstücke verbreitet hätten, die den öffentlichen Frieden gefährdeten. Bereis im Dezember l938 war Bleek ein weiterer Haftbefehl zugestellt worden, der ihm sein Verhalten im Fechinger Pfarrerstreit, seine kritischen Äußerungen über Rosenberg und Ley und die körperliche Züchtigung eines Konfirmanden zur Last legte.

Das Reichskommissariat und die NSDAP-Gauleitung schienen allerdings kein sonderliches Interesse daran gehabt zu haben, Bleek verurteilen und ihn dadurch zum Märtyrer werden zu lassen. Nach achtmonatiger Untersuchungshalf wurde er am 28. Februar 1938 aus dem Lerchesflur-Gefängnis entlassen und unmittelbar danach aus dem Saarland ausgewiesen. Allerdings sah das Saarbrücker Sondergericht keinen Grund, das Verfahren gegen den renitenten Pfarrer einzustellen, zumal sich Bleek nach Ansicht der Anklagebehörde auch nach seiner Ausweisung im Juni 1938 erneut ,,durch kirchenpolitische Äußerungen eines Vergehens gegen §2 des Heimtückegesetzes ... schuldig gemacht" habe".

Nach der Ausweisung aus dem Saarland vertrat Bleek zunächst für einige Monate einen ebenfalls ausgewiesenen Kollegen in Dortmund. Im Juli 1938 erlitt er einen Herzinfarkt und mußte ein Sanatorium aufsuchen. An Emigration dachte Bleek auch nach seiner Genesung nicht. Trotz der in Saarbrücken noch anhängigen Anklage, die erst 1940 eingestellt wurde, gestatteten die Behörden Bleek und seiner Frau im Mai 1939 eine Reise nach Argentinien, um sich zu erholen und auf der erlterlichen Estancia nach dem Rechten zu sehen. Im Oktober gedachte das Ehepaar Bleek nach Deutschland zurückzukehren. Der Weltkrieg machte diesem Plan einen Strich durch die Rechnung. Bleek mußte in seinem Geburtsland bleiben, dessen Staatsangehörigkeit er noch immer besaß. Von 1940 bis 1946 war er als Aushilfspfarrer bei der Synode von La Plata tätig. Er beteiligte sich in der unmittelbaren Nachkriegszeit an der Unterstützung von Notleidenden in Deutschland durch die Organisierung von Paketsendungen und bemühte sich, dem in Deutschland zurückgebliebenen Sohn und dessen Familie die Einreise nach Argentinien zu ermöglichen. Wenige Wochen vor deren Ankunft starb er am 17. Juli 1948 im Alter von 70 Jahren auf dem elterlichen Familiengut Los Leones, wo er auch beerdigt wurde.

Die sozialdemokratische Voksstimme in Saarbrücken würdigte Bleek in einem Nachruf als einen Patrioten, der, je älter er wurde, immer deutlicher erkannt habe, daß die evangelische Kirche nur dann etwas tauge, wenn sie den Gehorsam gegen Gott höher stelle als den gegenüber den weltlichen Herren. In Saarbrücken trägt heute ein Teil der ehemaligen Tauentzienstraße im Stadtteil Malstatt den Namen Pfarrer-Bleek-Platz, benannt nach dem widerspenstigen evangelischen Pfarrer, der hier drei Jahrzehnte lebte.

Aus: Mallmann, Klaus-Michael, Paul, Gertrud (Hg.); Das zersplitterte Nein. Saarländer gegen Hitler. Widerstand und Verweigerung im Saarland 1935-1945. Band 1. Bonn 1989. S. 25-31.
Bearbeitet von Matthias Schmitz